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Dietrich Bonhoeffer und Willi Graf - zwei Christen im Widerstand

Renate Wind ist Professorin für Biblische Theologie und Kirchengeschichte an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Am Freitag, den 17. April um 19.30 Uhr spricht sie im Sophie-Scholl-Haus im Scharnhauser Park über Dietrich Bonhoeffer und den zwölf Jahre jüngeren Katholiken Willi Graf, Mitglied der Weißen Rose. Peter Dietrich hat sie vorab befragt.

Dietrich Bonhoeffer und Willi Graf - zwei Christen im WiderstandWilli Graf und Dietrich Bonhoeffer eint der Widerstand gegen die Nazis. Sind sich die beiden denn begegnet?

Renate Wind: Sie haben sich nicht gekannt. Doch es gibt Verbindungen zwischen dem Münchner Widerstandskreis der Weißen Rose und den konspirativen Aktivitäten Bonhoeffers. Die Münchner suchten Kontakt zum Berliner Widerstand, für Februar 1943 war ein Treffen mit Dietrich und Klaus Bonhoeffer geplant. Doch Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst waren da schon tot, Alexander Schmorell auf der Flucht, Willi Graf im Gefängnis. Bereits zuvor hatte Bonhoeffer ein Flugblatt der Weißen Rose nach Schweden gebracht. Über die gleichen Kanäle gelangten auch das letzte Flugblatt und die Nachricht vom Ende der Münchner Gruppe nach Schweden und von dort in andere europäische Länder. Thomas Mann reagierte darauf im Rundfunk: „Brave, herrliche junge Leute! Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein.“

Was verbindet die beiden, worin unterscheiden sie sich?

Renate Wind: Der katholische Saarländer und der protestantische Preuße unterscheiden sich im Alter, in ihrer Sozialisation, in der Art ihres Widerstands. Bei beiden wurde das Leben gewaltsam abgebrochen, blieb Fragment. Graf wurde im Oktober 1943 hingerichtet, Bonhoeffer im April 1945. Beide waren keine religiösen Asketen oder missionarischen Eiferer, die das Martyrium ersehnt oder gesucht hätten. Sie waren Ästhetiker und Genießer, die die Harmonie und das gute Leben der Gefährdung vorgezogen hätten. Sie liebten beide die Sprache Adalbert Stifters und die Musik Johann Sebastian Bachs. Sie waren klar denkende und vorsichtig abwägende Menschen. Doch beide waren in eindrucksvoller Weise konsequent. Beide waren bereit, ihre Ordnungen von außen, aus der Perspektive der anderen Religionen, Völker und Kulturen – und der Opfer – zu betrachten. Beide waren von Anfang an Gegner der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft, sahen einen unüberwindbaren Gegensatz zu ihrer christlichen Überzeugung.

Große Teile der Kirche damals leider nicht.

Renate Wind: Bonhoeffer und Graf waren „Rufer in der Wüste“. Während des Krieges überboten sich die beiden großen Kirchen mit Ergebenheitsadressen, lehnten das Recht auf Widerstand gegen die Obrigkeit auch grundsätzlich ab. Noch in den 1950er-Jahren weigert sich der evangelische Landesbischof von Bayern, an einer Bonhoeffer-Gedenkfeier im KZ Flossenbürg teilzunehmen, der katholische Studentenpfarrer in Freiburg untersagt seinen Studenten die Teilnahme an einer Gedenkfeier für die Weiße Rose. In beiden Fällen wollte die Kirche mit politischen Widerständlern nichts zu tun haben.

Ihre 1990 erschienene Bonhoeffer-Biografie wurde mehrfach übersetzt. Wie kamen Sie zu ihm?

Renate Wind: Ich bin der Geschichte der Weißen Rose und der Bekennenden Kirche in meiner frühen Jugend begegnet. Ich kann bis heute mein Entsetzen nicht in Worte fassen, das mich bei den Bildern von Auschwitz überkam und bei dem Gedanken, dass dies alles in der Lebenszeit meiner Eltern und Großeltern geschehen sein soll. Wie hätte man, eingeboren in das Tätervolk, hier weiter leben können ohne Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer? Sie haben mich wie Schutzheilige durch meine fremd gewordene Heimat begleitet. Mein kleines Buch über die Weiße Rose war ganz zerlesen. Es war ein Stück Widerstandserziehung in einer Zeit des Verschweigens.

Was hat uns der Widerstand der beiden Männer heute zu sagen?

Renate Wind: Der Widerstand der Weißen Rose und Bekennenden Kirche hatte eine Vision von Leben und Zukunft, die in der Enge der bundesdeutschen Restauration den Blick öffnete für die Weite der Welt und die Träume der ganzen Menschheit. Das Heraustreten aus der begrenzten eigenen Welt ließ Menschen den Angriff auf die Rechte der Anderen als Angriff auf die eigene Würde, das eigene Leben empfinden. Diese Fähigkeit des Mitleidens macht Willi Graf und Dietrich Bonhoeffer aktuell. Heute wird das Heil erneut in einem Kult der Stärke und der Deutschtümelei gesucht, Fremdenfeindlichkeit und soziale Kälte fordern wieder Opfer an Menschenleben. Deshalb wird es Zeit, ihr Vermächtnis in eine widerständische Kultur des Anstands und des Mitleids einzubringen.

geschrieben von Peter Dietrich am 11.04.2015 um 18:25 Uhr.


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