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Spielkarten und ein versteckter Heiliger

Zum Reformationsjubiläum gibt es auf den Fildern eine Ausstellung in 16 Teilen und Kirchen

Spielkarten und ein versteckter HeiligerEin „hier hat Martin Luther gepredigt“ kann der Evangelische Kirchenbezirk Bernhausen zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“ nicht bieten. Doch die Reformation hat auch auf den Fildern tiefe Spuren hinterlassen. Welche, das zeigt im Jahr 2017 eine Ausstellung in 16 Teilen und Kirchen.

Die Menschen sollten nicht das glauben, was andere erzählen, sondern selbst die Bibel lesen, befand Luther. Dazu mussten viele zuerst das Lesen lernen. Also rief Luther die Fürsten und Städte zur Gründung von Schulen auf. 1534 kam die Reformation auf die Filder, drei Jahre später wurde in Bernhausen das Schulhaus erbaut. Daher sind ab 22. Januar als erstes in der Bernhäuser Jakobuskirche drei Plakatwände zum Thema „Reformation und Schule“ zu sehen.
Ab dem 18. Jahrhundert besaß die Landbevölkerung Bibeln und Andachtsbücher, sie waren erschwinglich geworden. Ein Jahrhundert später waren sie noch mehr verbreitet, denn in den pietistischen „Stunden“ lasen die Gläubigen selbst. Auch in Sielmingen, wo ab April in der Martinskirche über „Reformation und Bibel“ informiert wird.
Warum beginnen viele Stammbäume erst im 16. Jahrhundert? Erst nach der Reformation wurden Kirchenbücher eingeführt, in die Geburten, Hochzeiten und Sterbefälle eingetragen wurden. In Württemberg hatte das Herzog Christoph im Jahr 1558 den Pfarrern befohlen. Dieses Thema wird in der Auferstehungskirche in Ruit präsentiert. Das Pfarrhaus mit Familie gab es ebenfalls erst durch die Abschaffung des Zölibats, das „evangelische Pfarrhaus“ wird in der Bartholomäus-Kirche in Kemnat dargestellt. In Harthausen wird das ambivalente Verhältnis von „Thron und Altar“ beleuchtet, vom Landesherrn als Oberhaupt der Kirche bis zur verhängnisvollen Nähe des Protestantismus zu Monarchie und Staat am Beginn des Ersten Weltkriegs.
In Plattenhardt musste auf Befehl des Herzogs die Statue des Heiligen Antholian weichen. Doch die Plattenhardter hingen an ihrem Heiligen, also mauerten sie ihn heimlich in eine Wandnische ein. Erst 1964 wurde er dort wiederentdeckt. Also geht es in der Antholianuskirche in Plattenhardt um das Thema „Heiligenverehrung“. Weitere Standorte widmen sich den Nachwirkungen der Reformation: In der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in der Parksiedlung geht es um „Widerstehen“ bei Bonhoeffer und Luther, in der Stettener Kirche um „Luther im Film“: Ein Experte hat 18 Spielfilme und zehn Dokumentarfilme über Luther gezählt, der älteste Stummfilm stammt von 1911.
Als Hauptautoren hat der Kirchenbezirk die Stadtarchivare von Filderstadt, Dr. Nikolaus Back, von Ostfildern, Jochen Bender, von Leinfelden-Echterdingen, Dr. Bernd Klagholz, sowie Kreisarchivar Manfred Wassner gewonnen. Die Archivare haben für ihre Texte ordentlich gegraben. „Die Vorbereitungen begannen vor zwei Jahren“, sagt Dekan Rainer Kiess. Hinzu kommen als Autoren unter anderem Bezirkskantor Sven-Oliver Rechner für „Luther und Musik“ und Dr. Annette Köger, Leiterin des Deutschen Spielkartenmuseums. Sie steuerte die Texte zu „Luther im Spiegel der Spielkarten“ bei. Einerseits sind Luther und die Reformatoren auf Spielkarten zu sehen, andererseits wurden die Karten auch zur Propaganda gegen den Papst eingesetzt.
Nach einer Vernissage am 20. Januar in der Petruskirche in Bernhausen wird jeder Ausstellungsteil in der jeweiligen Kirche mit einem Gottesdienst zum Thema eröffnet – beginnend in der Jakobuskirche, endend am 16. Juli in der St.-Blasius-Kirche in Nellingen. Alle Plakatwände sind danach in den jeweiligen Kirchen bis in die Sommerferien zu sehen, teils gibt es Begleitvorträge. Außerdem werden die Texte und Fotos als Broschüre veröffentlicht.

geschrieben von Peter Dietrich am 08.12.2016 um 09:23 Uhr.


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