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Hilfe für die Seele per Smartphone

In sieben Jahren Onlineberatung „Onbera“ sind auf dem Portal über 1000 Anfragen eingegangen

Hilfe für die Seele per SmartphoneSeit über 30 Jahren berät die Psychologische Beratungsstelle Filder Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Eltern und Familien. Seit sieben Jahren tut sie das auch Online. Vor kurzem kam im Onlineberatungsportal „Onbera“ die eintausendste Anfrage. Doch die Zukunft des gefragten Portals ist ungewiss.

Wie vielen Menschen haben die beiden Familientherapeuten und Onlineberater, Sandra Dehn und Karl König, schon online helfen können? „Ich glaube vielen“, sagt König. Er weiß von Jugendlichen, denen die anonyme Beratung über www.onbera.de gutgetan hat. Die froh waren, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört, wenn er ihre Mitteilungen liest, dass sie einer ernst nimmt. Mobbing, Einsamkeit, Depressionen, Selbstverletzung, Essstörungen, ständiger Streit im Elternhaus bis hin zu Missbrauch – das alles sind häufige Gründe für Anfragen. Sie kommen zu über der Hälfte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren. Es hat sich aber auch schon ein 78-Jähriger mit Paarproblemen online gemeldet. Die Nachrichten werden verschlüsselt, die Berater erhalten keine E-Mail-Adresse, auch die IP wird nicht gespeichert.
Die Berater müssen zwischen den Zeilen lesen und erspüren, was ihr Gegenüber beschäftigt, Mimik und Gestik gibt es im Portal nicht. „Jugendliche sind oft jahrelang in der Sprachlosigkeit“, sagt König. „Oft wissen die Eltern nicht Bescheid.“ Manche schreiben, sie seien nichts wert und nicht liebenswert. Einmal kündigt jemand einen Suizid an und meldet sich später nicht mehr. Die Berater müssen dieser Ungewissheit aushalten. Bei einigen Jugendlichen mit Suizidgefährdung wurde die Situation durch Onbera entschärft, zwei gingen dadurch in eine Klinik.
Die Beratungsstelle, eine Einrichtung des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen, bewirbt Onbera lokal, unter anderem an Schulen. „Über 60 Prozent der User schreiben uns aus dem Landkreis Esslingen und angrenzenden Regionen“, sagt König. “ Er weiß dies, da die meisten freiwillig ihren Wohnort angeben. Durch die Nähe kann die Beratungsstelle kompetent an Fachstellen weiterverweisen, etwa bei Essstörungen. „Wir sind kein Ersatz für Therapie“, betont König.
Missbraucht wird Onbera nicht, die am Anfang befürchteten Spaßanfragen sind ausgeblieben. Eine Erstanfrage beantworten Dehn und König innerhalb von zwei Werktagen. Oft geht es im Wochenrhythmus weiter, manchmal über ein halbes Jahr oder Jahr. Manche User schreiben zwei Zeilen, andere drei Seiten. Einige fassen im Lauf der Onlineberatung Vertrauen, teils folgen dann persönliche Gespräche. Manche reden durch die Onlineberatung doch einmal mit ihrer Mutter oder wenden sich an die Schulsozialarbeit. „Von der Sprachlosigkeit zu Handlungsoptionen“, beschreibt König den erhofften Prozess.
Der Bedarf ist groß und steigt, monatlich kommen 10 bis 15 Neuanfragen. Aktuell beraten Dehn und König jeweils zu 20 Stellenprozenten online. Onbera bekommt bislang keine öffentlichen Gelder, ist auf Eigenmittel des Kreisdiakonieverbands und Spenden angewiesen. Die mehrjährige Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie läuft Ende 2016 aus. Die beiden Berater und Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, wollen aber ein Ende nach mehr als 3500 Antwortmails unbedingt vermeiden. „Wir hoffen, dass wir die Gelder zusammenbekommen“, sagt Haußmann.

* www.onbera.de

geschrieben von Peter Dietrich am 24.10.2016 um 12:43 Uhr.


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